(Mein Beitrag für Kulturissimo 06/11)
Ich bin kein Freund von Religion und scheue mich auch nicht davor, sie öffentlich zu kritisieren. Damit laufe ich natürlich Gefahr, bei religiösen Mitmenschen anzuecken, sie gar zu beleidigen. Muss das sein? Wieso kann ich sie nicht einfach glauben lassen, was sie wollen?
Als Atheist wird einem in der Tat oft vorgeworfen, man sei intolerant, und in gewisser Weise bin ich es auch, denn Religion empfinde ich aus philosophischer Perspektive als dermaßen unerträglich, dass ich nicht anders kann, als sie überwinden zu wollen. Gleichzeitig bin ich aber auch der festen Überzeugung, dass jeder Mensch frei denken oder glauben dürfen soll, was er für angemessen hält. Aus diesem Grund würde ich im Traum nicht daran denken, jemandem über politische Wege seinen Glauben verbieten zu wollen. Religion kann, soll und darf nicht mit repressiven Mitteln überwunden werden, vielmehr soll sie mit guten Argumenten angefochten werden – und deren gibt es genug! Für so manchen Religionsverfechter ist das aber schon zu viel des Guten, so dass er sich genötigt fühlt, mit erhobenem Zeigefinger Toleranz zu predigen. Was er jedoch vergisst: Toleranz stammt vom lateinischen tolerare ab und heißt so viel wie erdulden, und eben das schließt Kritik keineswegs aus: im Gegenteil, in einer modernen pluralistischen Demokratie müssen dulden und kritisieren Hand in Hand gehen können. Wenn religiöse Menschen Religionskritik als beleidigend empfinden, dann ist das – Meinungsfreiheit sei Dank – schlichtweg ihr Problem.
Ich bin also Atheist, und zwar einer von der „ganz üblen Sorte“, wie sie seitens katholischer Bischöfe gerne als fundamentalistisch und unmenschlich bezeichnet werden. Und das nur, weil ich die heiligen Schriften für erfundene Märchen und die Existenz eines katholischen Schöpfergottes für in etwa so wahrscheinlich halte wie jene eines fliegenden Spaghettimonsters. Zwar kann ich die Existenz dieser Phantasiegeschöpfe nicht mit 100%iger Wahrscheinlichkeit widerlegen, weil es für beide aber nicht den Hauch von stichhaltigen Indizien gibt, spielen sie – so wie Zeus, Thor, Kobolde und Feen auch – in meinem Leben nicht den Hauch einer Rolle.
Als Atheist pflege ich eine naturalistisch geprägte Weltsicht. Ich weiß, wie Sokrates schon wusste, dass ich vieles (zumindest noch) nicht weiß, und dass es das stete Hinterfragen ist, was den Menschen geistig am Leben hält. Die religiöse Vorstellung eines abgeschlossenen, nicht hinterfragbaren Weltbildes hingegen, in dem ich und die ganze Welt von einem allmächtigen Gottwesen erschaffen und mit Sinn versehen wurden, empfinde ich als öde, traurig und verkümmernd.
Als Atheist, obwohl dies oftmals in Frage gestellt wird, verfüge ich auch über eine Ethik. Anders aber als die Religion, die ihre Moralvorstellungen aus antiken Märchen ableitet und die Menschheit damit seit jeher gespalten hat, baut der Atheist seine Ethik auf dem auf, was alle Menschen verbinden: das Menschsein. Im Gegensatz zu religiösen Dogmen ist ein naturalistisches Weltbild nämlich dazu in der Lage, die menschlichen Bedürfnisse in ihrer Wirklichkeit zu erfassen, und kann somit den Ansprüchen nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit aller Menschen genügen. Der Atheist ist also auch Humanist.
Trennung von Kirche und Staat
Als Atheist bin ich aber auch Laizist, in anderen Worten für die Trennung von Kirche und Staat. Doch sind nicht alle Laizisten automatisch auch Atheisten. Es gibt beispielsweise auch viele Katholiken, die sich für die Trennung von Kirche und Staat aussprechen, da dies ihre Religion wesentlich glaubwürdiger machen würde.
Aus diesem Grund ist es notwendig, klar und deutlich zwischen den Begriffen Atheismus und Laizismus zu differenzieren. Der sogenannte „Neue Atheismus“ ist eine Weltanschauung, deren Humanismus auf einem naturalistischen Weltbild aufbaut. Es handelt sich dabei um eine philosophische Position. Der Laizismus hingegen ist keine Weltanschauung, sondern betrifft die politische Ordnung: er verlangt einen Staat, der sich gegenüber allen Weltanschauungen und Religionen (Atheismus inbegriffen) neutral verhält, sie als reine Privatangelegenheit begreift und keine privilegiert.
Eben davon sind wir in Luxemburg aber weit entfernt: Allein die katholische Kirche kostet den Steuerzahler jährlich mehr als 50 Millionen €. Bedingt sind diese Verhältnisse durch eine Gesetzgebung, die aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts stammt. Wenn man nun bedenkt, dass laut einer rezenten CEPS-Studie über Religion in Luxemburg nur noch weniger als ein Drittel der Bevölkerung an die Existenz eines personifizierten Schöpfergottes glaubt, wie ihn die katholische Kirche predigt, dann wird sehr schnell ersichtlich, dass die aktuellen Verhältnisse zwischen Staat und Kirche der gesellschaftlichen Realität im 21. Jahrhundert nicht mehr genügen und dass eine Reform mehr als überfällig ist.
Die Trennung von Kirche und Staat bedeutet aber nicht, dass Weltanschauungen, religiöse wie nicht religiöse, keine Rolle mehr spielen dürfen. Sie sind für die Wertvorstellungen in einer Gesellschaft von konstitutiver Bedeutung und – man bedenke die Debatten über Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbruch – genuin politisch geprägt. Folglich ist es erforderlich, dass der Staat gegenüber Weltanschauungen ein ähnlich sensibles Verhältnis pflegt wie beispielsweise gegenüber politischen Parteien, insbesondere dann, wenn es um finanzielle Verhältnisse geht. Die Mechanik der Parteienfinanzierung ermöglicht nämlich eine Verteilung von Geldern, die sich zumindest ansatzweise proportional zur gesellschaftlichen Realität verhält: je mehr Stimmen eine Partei erhält, umso mehr Mittel stehen zur Verfügung.
Denselben Anspruch müssten wir auch mit Blick auf den Umgang mit Weltanschauungen erheben, und in der Praxis kann das nur heißen, dass jeder Bürger selber bestimmen können muss, ob er eine Religionsgemeinschaft oder eine andere weltanschauliche Organisation finanziell unterstützen möchte oder nicht. Artikel 20 der luxemburgischen Verfassung sieht das übrigens genau so: « Nul ne peut être contraint de concourir d’une manière quelconque aux actes et aux cérémonies d’un culte (…) » Allzu ernst scheinen wir das bisweilen aber nicht zu nehmen!
Wie ein verhältnismäßigerer Umgang mit religiösen und weltanschaulichen Organisationen letztendlich in der Praxis umzusetzen ist, in Form einer radikalen Trennung von Kirche und Staat oder möglicherweise über den Weg einer freiwilligen Kirchensteuer, das müssen die politischen Parteien aushandeln. Im Kern eines jeden gangbaren Modells muss aber stets das Prinzip der Selbstbestimmung des Einzelnen stehen. Dies nicht bloß aus Gründen der weltanschaulichen Gerechtigkeit, sondern auch, weil der Staat mit der katholischen Kirche eine Organisation privilegiert, welche die Gleichheit von Mann und Frau immer noch nicht anerkennt, homosexuelle Menschen aufs Übelste verleumdet und zu diskriminieren versucht, und insgesamt eine Sexualmoral propagiert, die an Realitätsferne und Unmenschlichkeit allenfalls noch von den Taliban zu überbieten ist. Und gerade dieser Organisation erlauben wir das Privileg, unseren Kindern in der Schule „Moral“ zu lehren…
Trennung von Kirche und Schule
Die Aufteilung der Kinder in den Religionsunterricht einerseits und die „Morale Laique“ anderseits wird seitens der katholischen Kirche zwar gerne als Pluralismus angepriesen, hat damit aber rein gar nichts zu tun: wenn die katholische Anschauung mit einem eigenen Religionsunterricht privilegiert wird, während sich die restlichen Weltanschauungen in einem gemeinsamen Sammelbecken wiederfinden müssen, so kann von Pluralismus wahrlich keine Rede sein! Es handelt sich dabei eher um eine unnötige Segregation, eine Verschubladung der Kinder aufgrund der Religionszugehörigkeit ihrer Eltern, und sie ist pädagogisch in etwa so sinnvoll, als würde man die Schüler beim Philosophieunterricht in einen aristotelischen und einen platonischen Kurs aufteilen.
Eine solche Art von „Pluralismus“ ist in der Schule, gerade bei der Wertevermittlung, wo es auch um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht, ganz klar das falsche Konzept. Es geht hier nämlich keineswegs darum, die unterschiedlichen religiösen oder nicht religiösen Überzeugungen der Eltern zu respektieren, sondern vielmehr um eine möglichst freie geistige Entwicklung der Kinder. Und was Kinder betrifft, dürfte eins klar sein: sie verfügen zwar über eine blühende Phantasie, aber religiöse Kinder gibt es gewiss nicht. Es gibt nur Kinder religiöser Eltern. Aus diesem Grund sollten wir sie nicht mit Religion belasten und sie später als mündige Bürger selber entscheiden lassen, welcher Anschauung sie sich hingezogen fühlen – und dies sollte auch für die Kindstaufe gelten!
Trennung von Folklore und Gesellschaftspolitik
Gewiss sind viele Traditionen erhaltenswert, andere hingegen sind es nicht, denn Tradition darf kein Freifahrtschein für jedwede Rückständigkeit sein. Die Kindstaufe ist eine Tradition, die zu überwinden wünschenswert wäre, denn unmündigen Kindern einen religiösen Stempel auf die Stirn zu drücken, ist in etwa so sinnvoll wie ihnen im Säuglingsalter eine politische Parteikarte zu schenken.
Es sind aber solche Traditionen, welche die gesellschaftliche Vormachtstellung der Kirche bewahren. Auch heute noch geben sich viele junge Menschen in der Kirche das Jawort, nicht etwa, weil sie gläubig wären, sondern weil ihnen die Kirche ganz einfach einen attraktiven zeremoniellen Rahmen bietet. In etwa so wie die Festung der Stadt-Luxemburg heute nicht mehr in der Lage ist, die Menschen zu beschützen und ihre Legitimität vielmehr in ihrer Funktion als Touristen-Attraktion behält, so ist auch die katholische Kirche heute nicht mehr im Stande, die Fragen und Sorgen der Menschen zu beantworten. Sie generiert ihre Legitimität vielmehr als (Monopol-) Anbieter folkloristischer Dienstleistungen. Indem die Kirche diese Legitimität auf andere gesellschaftliche Bereiche extrapoliert, erhält sie beispielsweise auch in den Bereichen von Politik und Ethik mehr Gewicht und Relevanz als ihr gemäß der gesellschaftlichen Realität weltanschaulicher Überzeugungen eigentlich zustehen dürfte. Um dem entgegenzuwirken, gilt es das Problem bei der Wurzel zu packen und die Monopolstellung der Kirche im Bereich des Zeremoniellen in Frage zu stellen: es müssen flächendeckend für die gegebenen Anlässe (z.B. Hochzeitsfeiern, Bestattungen) attraktive weltliche Zeremonien angeboten werden, so dass eigentlich nicht-religiöse Menschen nicht mehr genötigt sind, auf religiöse Dienstleistungen zurückzugreifen.
„Hu mir da soss keng Problemer?“
So entfährt es so manchem Anhänger des „sicheren Weges“, wenn er mit dieser Thematik konfrontiert wird. Gewiss gibt es andere, akutere Probleme! Würden wir uns aber nur noch um das Beheben der wichtigsten Missstände kümmern, so müssten wir wohl mit Ausnahme der Bekämpfung des Welthungers viele Probleme und Problemchen links liegen lassen. Deshalb: alle Missstände sind es wert, behoben zu werden, und im Falle der Trennung von Kirche und Staat ist das längst überfällig!
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