David Humes Thesen über Freiheit und Notwendigkeit auf dem Prüfstein der modernen Naturwissenschaft
Fazit
Zu David Humes Lebzeiten gab es keinerlei Möglichkeiten, eine Theorie über die Beschaffenheit des Willens auf naturwissenschaftlichem Wege zu überprüfen. Ihm stand bloß sein eigener Verstand als Werkzeug zur Verfügung. Hinsichtlich der Ergebnisse dieser Arbeit ist es von daher um so erstaunlicher, wie nahe er mit seinen Ausführungen an den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gelegen hat, die unseren heutigen Wissensstand ausmachen.
Hume ist der Auffassung, dass der Mensch über keine Willensfreiheit verfügt. Um diese These zu untermauern, vergleicht er Geistesprozesse mit physikalischen Prozessen und arbeitet Parallelen zwischen diesen beiden Gebieten heraus: So wie wir in der materiellen Welt für alles eine Ursache erkennen, so soll es sich laut Hume auch mit Blick auf den menschlichen Geist verhalten. Da der Mensch die Ursachen in seinem Handeln aber nicht immer erkennen und nachvollziehen kann, glaubt er fälschlicherweise, er sei frei.
Verdeutlichen lässt sich dieser Sachverhalt, wenn man sich den menschlichen Willen als Fluss vorstellt. Ein Fluss ist in seinem Lauf nicht frei, sondern determiniert durch physikalische Kräfte, die auf das Wasser einwirken, sowie durch die geologische Beschaffenheit, in anderen Worten durch sein Flussbett. Würde man sich das Flussbett wegdenken, so lieferte uns diese Vorstellung möglicherweise den Irrglauben, der Fluss könne sein Gefälle und seine Kurven beliebig wählen, er sei frei. Humes Ausführungen hinterlassen den Eindruck, dass auch der menschliche Wille über eine Art unsichtbares Flussbett verfügt, das nicht durch physikalische Kräfte, sondern durch Motive, und nicht durch geologische Kriterien, sondern durch soziale und psychische Umstände bestimmt ist. Der Mensch glaubt, frei zu sein, weil er sich seines Flussbettes nicht bewusst ist. Humes Ausführungen über Freiheit und Notwendigkeit deuten also auf eine „Physik des Geistes“ hin, die diesen so beschreibt und prognostizieren kann, wie es die wahre Physik mit der materiellen Welt tut.
Die Hirnforschung ist als einziges naturwissenschaftliches Forschungsgebiet dazu geeignet, dieser Position auf direktem Wege auf den Grund zu gehen, indem sie nämlich in der Lage ist, die Vorgänge in unserem Hirn zu erkunden und zu beschreiben. Zwar sind die Möglichkeiten dieses Forschungsstranges aufgrund der Komplexität des Gehirns heute noch sehr begrenzt, trotzdem deuten ihre Ergebnisse stark in Richtung Determinismus. Geistige, in der Hirnforschung neuronale Prozesse sind, wie bei Hume, dem Gesetz der Notwendigkeit unterlegen und werden von verschiedenen Einflussfaktoren bestimmt. Die Willensfreiheit wird als Illusion, bedingt durch mangelndes Bewusstsein der Funktionsweise des Hirns, begriffen und kann damit Humes Aussagen aus naturwissenschaftlicher Sicht voll und ganz bestätigen.
Auch die Chaostheorie kann Humes Position stützen. Im Gegensatz zur Hirnforschung ist sie aber kein spezifisches Instrument für Fragen von Hirn oder Geist, sie ist vielmehr eine mathematische Theorie, die auf eine Vielzahl von Phänomenen angewandt werden kann, und, wie sich gezeigt hat, auch auf die Funktionsweise des Geistes, den sie als deterministisch-chaotisches System zu beschreiben vermag. Sie stützt dabei Humes Aussage, dass das Gefühl der Freiheit darauf zurück zu führen sei, dass die Notwendigkeit aufgrund großer Komplexität nicht konsequent erfasst werden kann und verbindet damit widerspruchsfrei die Notwendigkeit mit der Nichtvorhersagbarkeit von Phänomenen. Sie korrigiert Hume aber, was seine Gleichförmigkeitsthese betrifft: Diese gilt mit der Chaostheorie nur dann noch, wenn von der schwachen Kausalität ausgegangen wird.
Die Quantentheorie widerlegt im Mikrokosmos eine der zentralen Prämissen von Humes Position, nämlich das Prinzip von Ursache und Wirkung. Zwar operiert unser Geist, und damit auch die Frage nach der Willensfreiheit, im Makrokosmos, trotzdem ist alles Materielle in der Welt – und wenn man der Hirnforschung Glauben schenkt, auch unser Geist – in seiner Bedingtheit zurück verfolgbar bis ins Mikrokosmos. Um zu urteilen, inwiefern dies einen Einfluss auf unseren Willen hat, dafür stecken sowohl die Hirnforschung wie auch die Quantentheorie noch zu sehr in den Kinderschuhen. Insofern letztere aber als gültig und vollständig betrachtet würde, und ihren Konsequenzen auch Einfluss auf das Makrokosmos zugesprochen würde, dann sähe es nicht nur für die deterministische Position, sondern auch für jene der Willensfreiheit düster aus, denn Zufall verträgt sich weder mit Kausalität, noch mit Freiheit.
Mit Blick auf die Forschungsfrage dieser Arbeit kann also festgehalten werden, dass die behandelten Forschungsgebiete, zumindest den heutigen Forschungsstand betreffend, und mit Ausnahme der Quantentheorie, deren Deutung offen bleibt, zwar nicht in der Lage sind, einen endgültigen Beweis gegen die These von der menschlichen Willensfreiheit zu erbringen, jedoch mit sehr starker Tendenz in diese Richtung weisen und damit Humes Position der Notwendigkeit bei menschlichen Entscheidungen stützen.
Fest steht auf jeden Fall auch, dass der Konflikt zwischen Notwendigkeit und Willensfreiheit aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts in diesen Bereichen der Naturwissenschaft eine Garantie für philosophischen Zündstoff bleiben wird, denn zwischen den Unschärfe- und Zufallseffekten der Quantentheorie, dem Determinismus in Hirnforschung und Chaostheorie, sowie dem Phänomen der Willensfreiheit herrscht ein hochinteressanten Spannungsverhältnis.
Aus Sicht der modernen Naturwissenschaften scheint es nun so zu sein, dass der Widerstreit nicht mehr zwischen Determinismus und Freiheit stattfindet, sondern vielmehr zwischen dem Begriffspaar Determinismus und Zufall, und dass für die Freiheit kein Platz mehr bleibt. Die weitreichenden Konsequenzen eines Menschenbildes ohne Freiheit auf Moral und Justiz, sowie der Wunsch und das Gefühl, willensfrei zu sein, drängen uns aber dazu, diese unangenehmen Erkenntnisse relativieren und widerlegen zu wollen. Oder können wir womöglich gleichzeitig frei und determiniert sein? Immanuel Kant hat sich intensiv mit dem Widerstreit zwischen Determinismus und Freiheit befasst und kommt in seinem Denken zum Schluss, dass beides zugleich möglich sei, je nachdem, ob der Mensch als empirisches oder als moralisches Wesen betrachtet wird. Ist ein solcher Dualismus für die Naturwissenschaft gangbar? In der Hirnforschung ist oftmals die Rede von den zwei Seiten einer Medaille, wenn es z.B. um die Frage geht, ob die Liebe das schönste aller Gefühle oder aber eine bloße biochemische Reaktion ist. Es heißt dann, beides treffe zu. Wieso also sollte es sich mit dem Determinismus und der Freiheit nicht auch so verhalten? Wenn David Hume und die Naturwissenschaften aufzeigen können, dass der Mensch über keinen freien Willen verfügt, dann verschwindet die Freiheit nicht einfach so, sondern sie wird lediglich zur Illusion abgestuft, weil das Gefühl der Freiheit trotzdem weiter bestehen bleibt. Man könnte also sagen: faktisch sind wir determiniert, gefühlt sind wir frei.