Über das Internet-Portal fraiheet.lu haben seit 2007 mehr als 3500 Luxemburger einen Antrag gestellt, um aus der katholischen Kirche auszutreten. Seit Anfang dieses Jahres bietet die katholische Kirche diese Dienstleistung auch selber an. An sich ist das wünschenswert, birgt aber die Gefahr, dass künftig keine unabhängige Kontrolle mehr darüber besteht, wie viele Luxemburger austreten.
Was heißt es überhaupt, aus der Kirche auszutreten?
Nachdem man das Austrittsgesuch an den Generalvikar geschickt hat, wird im Taufregister vermerkt, dass man nicht mehr Teil der katholischen Gemeinschaft sein möchte. Entgegen der allgemeinen Annahme wird der eigene Name aber weder durchgestrichen noch gelöscht.
Die Kirche verweist in diesem Kontext darauf, dass die Taufe damit nicht rückgängig gemacht ist, und das Sakrament auch nach dem Austritt noch seine Gültigkeit hat: einmal getauft immer getauft. Gegen diesen Sachverhalt ist an sich nichts einzuwenden – religiöses Geschwätz hin oder her: die Tatsache, dass einem als Säugling Wasser über den Kopf geschüttet worden ist, kann nun mal nicht ungeschehen gemacht werden. Als Nichtgläubiger kann man den heute wahrscheinlich wieder trockenen Kopf dennoch getrost ruhen lassen. Einmal davon abgesehen, dass alte Männer in Frauenkleidern* zwecks Befriedigung ihrer märchenhaften Scheinrealität ein wirres aber harmloses Ritual mit einem durchgeführt haben, ist nämlich nichts passiert.
Wer nun als Nichtgläubiger Wert auf Symbolik legt, dem bietet sich wie gesagt die Möglichkeit, sich im Taufregister als Nicht-Katholik vermerken zu lassen. Von der Genugtuung abgesehen, der Kirche das eigene Widerstreben ihr gegenüber direkt mitzuteilen, hat dieser Austritt aber keine direkten Konsequenzen, auch keine finanziellen (im Gegensatz zu Deutschland). Wem ein schriftlicher Austritt an Symbolik nicht reicht, dem steht darüber hinaus die Möglichkeit offen, sich durch Sünde exkommunizieren zu lassen oder mit einer „rituellen Fönung“ die Taufe symbolisch rückgängig zu machen. Die wohl wirksamste Austrittsvariante bleibt aber der Boykott kirchlicher Dienstleistungen: menschenleere Messen, Rückgang kirchlicher Hochzeits- und Bestattungsfeiern, zunehmender Verzicht auf die Zwangsrekrutierung von Kleinkindern durch Taufe stehen für den gesamtgesellschaftlichen Kirchenaustritt.
Es gibt in Luxemburg keine Katholiken!
Die Tatsache, dass der Kirchenaustritt in Luxemburg letztendlich nur von symbolischem Wert ist, hat jedoch zur Folge, dass dies konsequenterweise auch für den Kircheneintritt gilt. Das heißt konkret, und die Kirche sieht das selber auch so, dass die Mitgliedschaft durch Taufe nur für die Kirche selber von Bedeutung ist, und es in Luxemburg deshalb auch keine offizielle Mitgliedschaft in der Kirche gibt. In anderen Worten: in Luxemburg gibt es offiziell keine Katholiken. Argumente gegen die Trennung von Kirche und Staat, die oftmals auf einen hohen Bevölkerungsanteil von Katholiken hinweisen, sind damit hinfällig!
Wieso austreten, wenn ich offiziell nicht Mitglied bin?
Wem Symbolik als Grund für den Kirchenaustritt nicht ausreicht, den mögen ethische oder politische Gründe überzeugen. Auch wenn es sich bloß um eine inoffizielle Mitgliedschaft handelt, wird man als nicht-ausgetretener Katholik dennoch zu einer religiösen Gemeinschaft gezählt, deren Führer – um nur zwei Beispiele zu nennen – homosexuelle Menschen öffentlich als Gefahr für die Menschheit stigmatisiert, und in deren Strukturen für Frauen in bestimmten Laufbahnen ein Berufsverbot besteht. Wem bewusst ist, dass die Kirche kein Selbstbedienungsladen ist, in dem man einerseits das Leben nach dem Tod und die Hochzeit in weiß buchen, anderseits aber den Verbrechen wie den ethischen Verfehlungen der Kirche eine Absage erteilen kann, der kann – lässt er seiner Vernunft freien Lauf – durch den symbolischen Kirchenaustritt ein Ausrufezeichen setzen, für sich selbst und für die ganze Gesellschaft. Denn, wie bereits erwähnt, spielen Kirchenaustritte auch gesamtgesellschaftlich eine wichtige Rolle: je mehr Luxemburger der Kirche den Rücken zeigen, um so höher wird der Druck auf die Politik, um Kirche und Staat endlich zu trennen.
Wie werden die Schäfchen gefüttert?
Und da wir nun beim Thema Trennung von Kirche und Staat angelangt sind: wenn es in Luxemburg zukünftig keine strikte Trennung geben sollte – mit der CSV scheint das momentan nicht machbar – , d.h. dass der Staat auch weiterhin auf welche Weise auch immer, Religionen und möglicherweise auch nicht-religiöse Weltanschauungen finanzieren wird, dann muss sich die von Minister Biltgen eingesetzte Expertengruppe früher oder später mit der Frage befassen, wer gemäß welcher Kriterien entscheidet, welche Religion oder Weltanschauung welche finanziellen Mittel bekommt. Denn offizielle Zahlen über die Religionszugehörigkeit der Luxemburger gibt es keine, und das Prinzip der Privilegien à la tête du client sollte eine Reform der Verhältnisse zwischen Staat und religiösen Gemeinschaften doch hoffentlich nicht überleben.
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* (Ech krut elo vill Feedback, datt den Ausdrock “alte Männer in Frauenkleidern” diskriminatoresch wier, wat, demno wéi interpretéiert, och net ganz falsch ass. Ech well dobäi awer soen, datt ech deen Ausdrock ursprünglech benotzt hunn, fir op déi enner Widersprech vun der Kierch hinzeweisen: z.B. den héchsten Homosexuellen-Undeel an den egene Reihen a gläichzäiteg eng vun den homophobsten Organisatiounen. An desem Kontext, wou et awer éischter em eng Szenebeschreiwung geet, riskéiert dat dann effektiv messverständlech ze sinn. Ech hunn och guer näischt géint Männer, déi Fraenkleeder undinn, well se déi méi bequeem oder ästhetesch fannen.)
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“alte Männer in Frauenkleidern”
An do hunn ech opgehaalen ze liesen. Wat soll dat?
@ Joel, jo, ech sinn vläit nach net ganz “postgender”. Mä wat et soll: et sollt eng un äusserlech Kriterien gebonnen Duerstellung aus der Perspektiv vun der aktuell Duerchschnettsliewenswelt sinn. Zumindest hätt et dat kenne sollen, wann et sech heibäi em eng sozialwessenschaftlech Publiktatioun gehandelt hätt. Da et awer ee Blogpost ass, soll et usech guer näischt. Ech hunn et um Sonndemoien am Affekt einfach “witzeg” fonnt, Et ass textlech och gutt geflutscht.
Et ass erlaabt, driwer ewech ze liesen. Et ass awer natierlech och erlaabt, ze streiken, an aus Protest géigeniwwer deem konservative Rollendenken net weider ze liesen. Dat muss jidderee fir sech selwer decidéieren.
Ah, d’Gender-Polizei ass nees um Tour!